DSC Arminia Bielefeld -

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„Die Arbeit hält mich frisch“

Günter Neundorf ist seit über 30 Jahren Mannschaftsarzt des DSC Arminia Bielefeld. Dementsprechend war es in dieser Saison höchste Zeit für die HALBVIER, ihm ein paar Anekdoten über den Verein zu entlocken und die letzten Jahre Revue passieren zu lassen.

Günter, du bist seit der Saison 1986/87 beim DSC. Was verbindet dich und den Verein so sehr?
Ich lebe seit fast 40 Jahren in Bielefeld. Durch meine von der Kindheit an geprägte Fußballliebe hat es sich ergeben, dass ich mich, als ich hier hergezogen bin, dem Verein angenähert habe. In meinen ersten Jahren hier hatte ich – obwohl ich noch nicht als Vereinsarzt tätig war – schon sehr viel persönlichen Umgang mit den Spielern. Da war der Weg zum Vereinsarzt durch diese Verbindungen nicht mehr weit.

Wie sieht dein „Alltag“ mit Arminia aus? Bist du vor Ort oder kommen die Spieler zu dir?
Die Spieler kommen je nach Bedarf in meine Praxis. Ich suche mir dazu noch ein paar Spiele aus – wie zum Beispiel die Partie in Nürnberg, wo ich noch viele Leute kenne – und fahre dort mit hin. Ich fahre nicht mehr wie früher zu jedem Auswärtsspiel, das teile ich mir mit den anderen Kollegen auf. Durch meine gesundheitliche Situation kann ich auch nicht mehr wie früher jeden Tag am Trainingsgelände sein, denn ich hatte 2015 eine Herzattacke, durch die mein Leben ein anderes geworden ist. Heute muss ich auf meinen Körper und seine Signale hören und trete deshalb etwas kürzer.

Wenn ich dich nach deinem emotionalsten Ereignis mit Arminia fragen würde, welches würde dir auf Anhieb einfallen?
Einmal unser Aufstieg 1994/95 mit einem 4:0-Sieg gegen Borussia Neunkirchen, wo wir nach vielen, vielen Jahren der Entbehrung wieder in die zweite Liga aufgestiegen sind. Das war der schönste Aufstieg, den es je gab. Und das zweite emotionale Ereignis war mal ein Spiel gegen den 1. FC Nürnberg, wo wir bis kurz vor Schluss – da ging es um den Klassenerhalt – mit 1:2 hinten lagen und in der 90. Minute mit 3:2 gewonnen haben. Das war ein unglaubliches Ereignis. Danach stand fest, dass wir nicht absteigen würden und Nürnberg absteigen muss. Jeder, der da dabei war, kann dieses Spiel nicht vergessen.
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Würdest du dich persönlich als Arminia-Fan bezeichnen?
Seitdem ich hier in Bielefeld lebe, ja. Vorher war Arminia Bielefeld für mich eine Fußballmannschaft in Deutschland wie jede andere auch, da gab es von zu Hause aus nur Bayern München. Als ich hierher gezogen bin, bin ich schnell Armine geworden, weil ich abends die Spieler in den Kneipen kennengelernt habe. Die sind dort immer unterwegs gewesen. Viele von ihnen kommen auch heute noch in meine Praxis.

30 Jahre Arminia – da wird eine Menge passiert sein! Was ist dir menschlich in Erinnerung geblieben?
Ich könnte drei Tage von dem erzählen, was ich mit Ernst Mippendorp, den ich von seinem ersten Tag in Bielefeld 1987 bis zu seiner letzten Minute privat und auch was den Sport betrifft, begleitet habe, erlebt habe. Er hat mich zum Beispiel nachts um drei aus dem Bett geholt und gesagt: „Los komm, steh auf! Wir fahren jetzt nach Holland und schauen uns einen Spieler an!“ Das haben wir zum Teil auch gemacht. Ernst hat den Fußball 24 Stunden am Tag gelebt. Da gab es keine Pause. So einen habe ich nie wieder erlebt. Oder die Jahre mit dem Spieler Sibusiso Zuma – das war ein Mensch, der mich zum Teil wahnsinnig gemacht hat. Wenn der morgens um neun Uhr in die Praxis kommen sollte, kam er nachmittags um halb vier. Jeden anderen Spieler hätte ich rausgeschmissen. Aber dem Zuma konnte ich aus einem Grund nicht böse sein: Er war der Einzige, der undiszipliniert war,  das  aber  auf  dem  Fußballplatz  wieder  zurückgegeben  hat.  An  solche  Dinge  denke  ich  immer  mal  wieder.

Was  würdest  du  sagen,  hat  sich  in  deiner  langen  Zeit im Fußball am meisten geändert?
Die ganze sportmedizinische Entwicklung: Die Ernährungswissenschaft, die Trainingsbelastungsdosierung  –  alles,  was  es  da  so  gibt.  Das  ganze  wissenschaftlich Sportmedizinische, was jetzt Einhalt findet in die Trainingsabläufe, das gab es früher nicht. Auch die Ordnung und die Disziplin sind viel besser geworden. Aber absolut zum Positiven, denn der Fußball ist wesentlich athletischer und schneller geworden.

Du  wirst  in  diesem  Jahr  70  Jahre  alt.  Andere Menschen wären schon längst in Rente gegangen, du aber nicht. Was fasziniert dich an deinem Beruf?
Ich  bin  einer  der  wenigen  Menschen,  die  jeden  Morgen  mit  Freude  zur  Arbeit  gehen.  Ich  freue  mich  einfach,  wenn  ich  in  meinem  Auto  sitzen,  zur  Praxis  fahren  und  den  Menschen  etwas  Gutes  tun  kann.  Es  gibt  nichts  –  außer  einer  gesundheitlichen  Einschränkung  –  was  mich  davon  abhalten  könnte.  Solange  mein  Körper  mir  nicht  sagt:  „Hör  auf  damit!“, höre ich auch nicht auf. Mein Kopf ist klar, der Körper  ist  ganz  und  geistig  hält  mich  die  Arbeit  frisch.  Ich habe einfach meine Freude an diesem Leben.