"Ich bin ein Magath-Fan"
... verrät Jürgen von der Lippe. Eigentlich gehört sein Herz ja der Alemannia aus Aachen - "aber da hat man ja nur Leid."
Gibt es eigentlich einen wirklich komischen Fußball-Witz?
Puhh, schwierig! Versuche, Comedy im Zusammenhang mit Fußball zu machen, scheitern schon daran, dass Fußball sich selbst genügt. Das ist so ähnlich wie Kochen und Comedy, das haut auch nicht richtig hin. Ahh, jetzt fällt mir aber doch einer ein: es ging in einem Text einmal darum, dass gleichgeschlechtliche Paare eigentlich besser dran sind. Folgende Szene: Zwei Männer gucken Fußball, sagt der eine beim Torjubel zum anderen: „Guck mal, so hast du mich noch nie geküsst." - „Du hast ja auch noch nie so ein Tor geschossen." (lacht) Ich denke, dass Fußballfans mit ihrer Begeisterung für den Sport vollkommen ausgelastet sind. Neben Sky, der Sportschau und dem aktuellen Sportstudio braucht kein Mensch auch noch einen Satire-Versuch über Fußball.
Vielen Menschen dürfte das Thema auch viel zu ernst sein, nicht umsonst wird bisweilen der Vergleich zur Religion gezogen.
Es ist ja so: Beim Fußball werden nun wirklich ausschließlich urmenschliche Dinge bedient. Also Solidarität, Gruppenzugehörigkeit, Rivalität, Gemeinschaftsgefühl, das Zusammenrücken gegen andere, bis hin zur Gewaltbereitschaft. Das findet zwar kein Mensch gut, aber es gehört nun mal ganz offensichtlich untrennbar dazu. Der Mensch ist nun mal ein aggressives Tier und deswegen genügt der Fußball offensichtlich sich selbst.
Zumal der Sport zumindest unfreiwillig reichlich Komik zu bieten hat. Manche Interviews von Fußballern dürften für Sie ein gefundenes Fressen sein.
Es stimmt, das erheitert mich. Ich habe kürzlich in meiner Sendung „Was ließt du" ein Buch von Ben Redelings vorgestellt, in dem sich allerlei kuriose Zitate von Fußballern wiederfinden. Diese Unfähigkeit mit Fremdwörtern umzugehen, nennt sich übrigens Malapropismus. Damit stehen Fußballer aber nicht alleine da. Ihr Problem ist nur, dass sie in allen möglichen und unmöglichen Situationen interviewt werden, zum Beispiel unmittelbar nach einem verlorenen Spiel. Das finde ich ein bisschen unmenschlich. Und dann auf der Stelle etwas sagen zu müssen, so etwas geht bei anderen natürlich auch in die Hose. Sportkommentatoren stehen ebenfalls unter einem hohen Druck. Deren Fehlerquote beim Sprechen ist ähnlich hoch wie die von Politikern. Ich hatte kürzlich eine Psycholinguistin in meiner Sendung, die dieses Phänomen beleuchtet. Man ist geneigt zu glauben, die Leute könnten nicht richtig sprechen. Das ist natürlich Quatsch. Wir alle würden uns Minimum alle zehn Minuten versprechen, wenn wir den ganzen Tag reden würden. Und gerade als Fußballkommentator möchte man natürlich einerseits originell sein, anderseits muss man immer auf der Höhe des Geschehens sein. Das ist schon eine extrem stressige Kommunikationssituation.
Ein Spieler, der ebenfalls zum Typ „kesse Lippe" zählte , ist Alemannia-Urgestein Willi Landgraf, mit dem wir zuletzt über die Aachener sprachen.
Willi Landgraf war natürlich eine Marke. Genau wie der alte Tivoli, der wahrscheinlich nur noch mit dem Millerntor zu vergleichen war. Von Landgraf stammt ja auch das herrliche Zitat zum Thema „Aerobic": „Ich komm' aus Bottrop, wenn du das bei uns inner Muckibude machst, wirste getötet!" (lacht). Fans verlieben sich einfach in ganz bestimmte Spieler, die sich ganz offenkundig zerreißen. Die sind Symphatieträger und müssen gar nicht wahnsinnig gut sein oder viele Tore schießen. Jupp Martinelli war auch so ein legendärer Mittelfeldspieler, das war so ein Schrank. Solche Typen hatte Aachen immer mal wieder. Das sind so Figuren, die hat auch Bielefeld, die hat jede Mannschaft. Legenden, an die man sich erinnert.
Sie sind in Bad Salzuflen zur Welt gekommen. Auch wenn es Sie bzw. Ihre Eltern kurz darauf nach Aachen zog: Wäre Arminia Bielefeld nie eine ernsthafte Alternative gewesen?
Na ja, das sucht man sich ja zum einen nicht aus und zum anderen wäre die Alternative ja eher Berlin, weil ich da seit 1972 lebe. Nur habe ich zu Hertha nie eine Einstellung gefunden. Union hätte ich dagegen den Bundesligaaufstieg gewünscht, aber das wird wohl nichts mehr. Meine Frau ist zwar Hertha-Fan, aber mein Fußball-Guck-Verhalten ist anders. Klar, da gibt es Aachen, aber da hat man ja nur Leid. In der Bundesliga verteile ich meine Symphatie so nach Kriterien, die ich selbst noch nicht ganz durchschaut habe. Ich bin ein großer Magath-Fan. Der macht Wolfsburg mal kurz zum Meister und startet dann bei Schalke auch wieder so eine Serie - das macht mir einfach unheimlich Spaß. Außerdem kommt er in Interviews immer sehr sympathisch rüber und haut nicht so auf die Sahne wie zum Beispiel Kollege Neururer. Abgesehen davon soll er ja Schachspieler sein und da ich auch Schach-Fan bin... Was mich derzeit ebenfalls freut, ist der Erfolg von „Don Jupp". Ihn wird gewurmt haben, dass der Kaiser meinte, er käme als fester Bayern-Trainer nur in Frage, wenn er zehn Jahre jünger wäre. Das finde ich so geil, dass Leverkusen jetzt oben mit dabei ist. Heynckes, aber auch den Schalkern würde ich die Meisterschaft wirklich gönnen.
Zur Person
Von der Lippe wuchs in Aachen auf, ehe es ihn nach Berlin verschlug, wo er zunächst Germanistik studierte und Deutsch als Fremdprache unterrichtete. Mit seiner Mischung aus Gesang und komödiantischem Entertainment hieß es dann aber bald Bühne statt Hörsaal. Seit 1980 eroberte der heute 61-Jährige zudem die Mattscheibe mit TV-Formaten wie „Geld oder Liebe", „Donnerlippchen" oder aktuell „Was liest Du?"
- Der zweite Teil des Interviews ist in der aktuellen HALBVIER nachzulesen. Dort spricht von der Lippe über die aktuellen Alemannia-Misere, wankelmütige Aachener Fans und darüber, warum Aachen "so ein bisschen wie Köln" ist.







