"Wir waren irre froh, als Hain kam"
Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb St. Pauli-Fan Bela B. gerne an Bielefeld denkt. Hier gibt's den ersten Teil des großen HALBVIER-Interviews.
Bevor Deine Liebe zu St. Pauli entflammte, hattest Du mit Fußball nicht viel am Hut. Was hatte Dich bis dahin vom Stadion ferngehalten?
Als Kind war ich zwar auch im Verein. Weil ich aber relativ schlecht war, verlor ich auch die Beziehung zum Sport. Später als Punkrocker hatte ich mit einigen Hertha-Fans in der U-Bahn ziemlich viel Stress. Da gab es einige sehr ätzende Gruppierungen, Hools und so. Der Alternativverein, Tennis Borussia, hat mir allein schon wegen der Trikots nicht gelegen (lacht). Vor allem fand ich als Punkrocker Fußball an sich unglaublich uncool. Das änderte sich ein wenig bei einem Pokalendspiel in Berlin zwischen Dortmund und Werder in den 80ern, als ich die Stimmung in der Stadt sehr genossen habe. Dann zog ich nach Hamburg, wo immer mehr Freunde am Wochenende zu St. Pauli gingen. Da fühlte ich mich dann irgendwie zuhause. Wie so oft, kommt man erst über den Event-Charakter zur Leidenschaft für den eigentlichen Sport.
Deine Beziehung mit St. Pauli war allerdings nicht immer frei von Konflikten...
Irgendwann sprach sich herum, dass ich Fan bin, und man fragte an, ob ich nicht was für den Club machen wolle. Dann nahm ich „You'll never walk alone" neu und eingedeutscht auf, gab mir Mühe, ohne Geld dafür zu nehmen. Ich wusste jedoch nicht, dass der Club die Fans damit überraschen wollte, was bei Pauli ja eh so ein Ding ist. Die Fans wollen gefragt werden, erst recht bei jemandem wie Bela B., der mit seiner Band so irre erfolgreiche ist und von den linkeren Fans ohnehin etwas kritisch beäugt wird, von wegen großes Plattenfirmen-Establishment und so. Alles zusammen führte so weit, dass teilweise sogar Plakate gegen mich im Publikum hochgehalten wurden. Zu der Zeit ging ich absichtlich später ins Stadion, was schade ist, weil ich's nun mal als Fan gemacht habe und mir ein wenig die Fairness fehlte. Trotzdem musste ich deshalb nie zum Psychiater. Ich bin nun mal eine öffentliche Person und muss mit Kritik leben können. Es war halt ein Aufreger für die Fans, und im Fußball regt man sich gerne auf. Ein Gutes hatte die Aktion: Mit „Das Herz von St. Pauli" hat der Verein jetzt seine beste und eigenständigste Stadionhymne, das ist doch was. Ich unterstütze den Verein nach wie vor, zum Beispiel nächstes Jahr bei dem 100 Jahre Pauli-Fest. Ich hoffe, dass sie mich diesmal nicht ausbuhen (lacht).

Angeblich ist der FC St. Pauli sogar mitverantwortlich für die Wiedervereinigung der Ärzte Anfang der Neunziger.
Genau wie ich war Farin Urlaub (Sänger der Ärzte; Anm. d. Red.) nach der Beendigung seiner eigenen Projekte recht desillusioniert. Damals war er im Stadion und hörte unser Lied „Westerland". Als dazu einige Leute mitsangen, ist ihm erstmals klar geworden, dass wir wohl doch den einen oder anderen Gassenhauer hatten. Daraufhin hat er über die alte Band nachgedacht und mir einen Brief geschrieben, der zum Comeback und zu den noch viel erfolgreicheren Ärzten führte. Zum Dank haben wir St. Pauli ein Klohäuschen spendiert, spielten ein Benefizkonzert und hielten öfter Pressekonferenzen im Clubheim ab. Ich bin heute allerdings der einzige Fan bei den Ärzten, mit Lebensdauerkarte & Weltpokalsieger-Originalball in der Vitrine!
Als Mathias Hain seinen Wechsel zum FC St. Pauli bekanntgab, war man sich in Bielefeld schnell einig: Matze und Pauli, das passt. Wie wird Hain denn bei Euch wahrgenommen?
Wir waren irre froh, als er kam. Die Torwartposition war immer so ein wenig die Schwachstelle bei uns, eine echte Nummer 1 hat uns die Jahre davor gefehlt. Bei den jüngeren Torhütern dahinter hatten wir etwas Herzklopfen, weil sie noch sehr unbeständig spielten. Wenn dann so ein erfahrener Bundesliga-Mann kommt und seine Karriere bei uns ausklingen lässt, kann man sich schon mal zurücklehnen und sagen: Super! Natürlich war er nicht ganz unumstritten, weil man hier immer die eigenen Jungs, die Stadtteiljungs, im Team haben will. Und unser jüngster Torwart Benedikt Piquett ist schließlich Mitglied bei den Ultras. Aber Hain ist ein Fuchs. Der hat sich irre schnell eingefunden, auch mit den Ritualen. Du darfst dem Publikum nicht den Arsch zeigen. Du musst immer wieder kommunizieren. Als Torwart bist du erst recht dicht dran, eine Halbzeit lang hast du stets die Sänger-Ecke im Rücken, wo die Hardcore-Fans stehen. Dort wird Hain ebenfalls beklatscht und abgefeiert.
Was klingelt beim Stichwort Bielefeld eigentlich zuerst: Arminia Bielefeld oder PC 69?
Also, ganz ehrlich: Bei Bielefeld fällt mir zuerst das PC 69 (Vorgänger des Ringlokschuppen; Anm. d. Red.) ein. Das ist der Laden, in dem die Ärzte 1993 ihr erstes offizielles Konzert nach ihrer Wiedervereinigung gegeben haben. Das PC war immer wie ein Heimspiel, wie nach Hause kommen. Das lag auch an dem Konzertveranstalter, meinem liebsten in Deutschland. Der hat immer ein privates Wort übrig und sorgt für gute Laune bei der Crew. Danach kommen bei mir jedoch die ZZZ Hacker (Bielefelder Punkrock-Legenden; Anm. d. Red.), die ja auch mal eine Single für Arminia gemacht haben. Insofern ergab sich eine gewisse Konkurrenzsituation mit den Bemühungen der Ärzte um den FC. Außerdem waren die Hacker schon bei zahlreichen Ärzte-Konzerten, auch außerhalb Bielefelds, wo sie sich stets mit einem lautstarken „ZZZ" bemerkbar machen. Und, ich weiß nicht, wie sie es schaffen, aber nach jedem Konzert klebt ein ZZZ-Aufkleber auf meinem Schlagzeug. Das ist Tradition. Dann erst kommt Arminia, tut mir leid!
Einen noch größeren Bezug dürftest Du zu Deiner Heimatstadt Berlin haben, die dank Union derzeit ebenfalls Zweitliga-Höhenluft schnuppert.
Zuallererst freut mich für Berlin, dass wir da so etwas haben. Diese Geschichte mit der Alten Försterei (Union-Fans halfen bei der Stadionrenovierung; Anm. d. Red.) besitzt an sich schon Kultcharakter. Das ist vergleichbar mit der Retter-Aktion von St. Pauli von vor einigen Jahren, als die Fans einfach mit anpackten. Cool, dass beide Teams auf Augenhöhe sind, das werden spannende Spiele. Es freut mich erst recht, weil Union anfangs so ein bisschen den Ruf hatte: „Oh, alter SED-Verein!" Das macht aber auch die zweite Liga so schön. Zum einen sind da die Kämpfer wie Union, die sich mit ihren Fans da hingearbeitet haben und, ähnlich wie Pauli, überall gerne gesehen werden. Dann hast du ehemalige Bundesligisten wie Bielefeld, wo man die Luft anhält und sagt: „Da müssen wir aufpassen, dass wir keine Packung kriegen." Wir haben in der zweiten Liga einfach die spannendere Mischung.

Ist die zweite also die perfekte Liga für St. Pauli?
Man darf es nicht sagen, aber natürlich ist in der zweiten Liga ... wir sind halt vom finanziellen Background her, aber ... wir wollen auch gar nicht der oberreiche Verein sein! Das ist auch ein Grund, warum ich Fan wurde. Man fühlt sich da wohl. Die Nummer Zwei in der Stadt zu sein, ist nicht so toll. Aber irgendwie ist die zweite Liga schon richtig. Und dann steigen wir alle paar Jahre mal auf. Außerdem: Wie langweilig wäre denn ewig erste Liga und immer nur Mittelfeld? Dann könnten wir diese unglaublichen Partys wie beim letzten Aufstieg - bei der ich leider wegen Ärzte-Aufnahmen nicht dabei sein konnte - feiern. Oder die Emotionen, wenn wir ganz knapp am Aufstieg vorbeigeschrammt sind. Ich habe Leute gesehen, die waren unter Aufgabe ihrer Würde auf allen Vieren auf der Reeperbahn unterwegs.
Davon sind diese Leute derzeit zum Glück weit entfernt.
Das Schöne bei St. Pauli ist momentan die Beständigkeit. Wobei eine Packung hin und wieder nicht verkehrt ist, um die Jungs auf den Boden der Tatsachen zu holen. „Stani", unser Trainer, macht sich aber auch in dieser Situation wieder verdient, weil er die Jungs am Boden hält. Dazu kommen die hohe Konkurrenz im Kader und das starke Mannschaftsgefühl.
Zur Person
Bela B. alias Dirk Felsenheimer zählt zu den Gründungsmitgliedern der wohl erfolgreichsten deutschen Punkrockband, „Die Ärzte", die sich Ende der Achtziger vorübergehend trennten und 1993 wiedervereinigten. Seit 2006 ist der „gelernte" Schlagzeuger auch als Solo-Musiker erfolgreich. Sein neues Album „Code B." erscheint Anfang Oktober, am 3. Dezember gastiert der 46-Jährige im Bielefelder Ringlokschuppen.
- Im zweiten Teil des großen Bela B.-Interviews, das am Freitag in der neuen HALBVIER erscheint, spricht der ungemein sympathische Punkrock-Veteran über musizierende Fußballprofis, Fußballromantik und die Marke St. Pauli.







