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Manuel Hornig besucht JVA Hövelhof

Im Rahmen der Initiative “Anstoß für ein neues Leben” nehmen die Besuche prominenter Paten eine große Rolle ein. Bekannte Persönlichkeiten aus dem Fußballsport trainieren gemeinsam mit den jugendlichen Strafgefangenen, unterhalten sich mit ihnen und sprechen den Inhaftierten Mut für ihren zukünftigen Lebensweg zu. Ex-Profi Manuel Hornig besuchte im Dienste von Arminia und der Sepp-Herberger-Stiftung die JVA Hövelhof. Der freie Journalist Wolfram Kämpf (Text & Fotos) war mit vor Ort.

Philipp hat schon gepackt. Wo monatelang Fotos von Freunden und Familie hingen, ist jetzt nur noch die nackte, gelbgetünchte Wand des Zweibettzimmers zu sehen. Er will nichts zurücklassen, nicht wiederkommen. Vor allem aber will er bereit sein und keine Sekunde verlieren, wenn in ein paar Tagen seine Zeit in der JVA Hövelhof vorüber ist und er raus darf. Sieben Monate hat der 24-Jährige in der Justizvollzugsanstalt unweit Paderborns verbracht. Reichlich Zeit, um Pläne für die Tage nach der Haftentlassung zu schmieden. “Ich will eine Lehre als Lackierer beginnen”, sagt Philipp, der eigentlich anders heißt. Und noch einen weiteren Plan hat gewissermaßen das Schicksal für ihn geschmiedet: Philipp wird erneut Vater. “Ich werde auf jeden Fall mit meiner Freundin zusammenziehen”, meint er. Damit seine Vorhaben zur Realität werden und auch bleiben, muss mehr her als Vorsätze und Gedankenspiele. Auch das weiß er. Daher hat er die Monate in Hövelhof genutzt, um sich beruflich weiterzubilden.

Auch Olli (Name geändert) hat in den vergangenen Wochen an seiner Qualifikation gefeilt. Er will nach der Entlassung eine technische Ausbildung im Krankenhaus beginnen. Technik, betont der 21-Jährige, sei genau sein Ding. Und er hat Fußball gespielt. So oft es ging. Olli ist Mitglied der Anstoß-Mannschaft in Hövelhof. Die Einrichtung mit ihren derzeit 139 nach Jugendstrafrecht verurteilten jungen Männern ist eine von bundesweit 19 Justizvollzugsanstalten, die an der Initiative “Anstoß für ein neues Leben” der Sepp-Herberger-Stiftung teilnehmen. Ziel ist es, mit Partnern, wie der Bundesagentur für Arbeit oder den jeweiligen DFB-Landesverbänden, für die Teammitglieder eine Perspektive für das Leben nach der Haft zu erarbeiten. Für Olli, der für Körperverletzung und Diebstähle einsitzt, war der Fußball aber auch eine “richtig gute Ablenkung” und eine Möglichkeit, ein bisschen an der Uhr zu drehen. “Durch den Sport vergeht die Zeit hier einfach viel schneller”, sagt der 21-Jährige, wischt sich den Schweiß von der Stirn und geht zurück auf den Aschenplatz der JVA.

Nach Rückschlägen wieder aufstehen

Dort steht an diesem Nachmittag ein besonderes Training an. Manuel Hornig ist gekommen, um im Rahmen der Patenschaft des Traditionsvereins Arminia Bielefeld mit dem Anstoß-Team eine Einheit zu leiten. Der 35-Jährige hat rund 150 Mal in der Zweiten und Dritten Liga unter anderem für den 1. FC Saarbrücken, den 1. FC Kaiserslautern und Arminia Bielefeld gespielt. Als Innenverteidiger feierte er Aufstiege und avancierte zum Mannschaftkapitän des Klubs aus Ostwestfalen. Jetzt steht er mit den Kickern der JVA auf dem Platz, gibt Kommandos, feuert an und ärgert sich, wenn ihm ein Pass misslingt. Dass Straftäter mit ihm den Staub des Aschenplatzes aufwirbeln, spielt dabei keine Rolle. Es geht einfach um Fußball.

Im Gespräch danach eigentlich auch. Doch um die Brücke vom Sport zum Rest des Lebens zu schlagen, braucht es nicht viel. Das wird spätestens deutlich, als Hornig von den Rückschlägen in seiner Karriere berichtet, die im vergangenen Sommer zu Ende ging. Der 1,90 Meter große Blondschopf erzählt von schweren Verletzungen, die ihn zweimal für ein ganzes Jahr aus der Bahn warfen. “Das kam beide Male, als es besonders gut lief”, berichtet der einstige Abwehrspieler. Die Inhaftierten nicken. Denn mit Rückschlägen kennen sie sich aus. In ihrem Leben ist auch einiges schiefgelaufen, sonst wären sie nicht in Hövelhof. “Ich habe mir aber nach jedem Tiefschlag gesagt: jetzt erst recht. Ich wollte es allen Skeptikern und mir selbst beweisen und habe noch disziplinierter und härter für das Comeback gearbeitet”, erklärt Hornig. Mit dieser Einstellung hat er es geschafft. Seinen Traum gelebt und sich auch eine Perspektive für die Zeit danach eröffnet. Neben seinem Lehramtsreferendariat ist er nun als Co-Trainer des Bielefelder B-Junioren-Bundesliga-Teams tätig.

“Teamspririt” hat sich entwickelt

Mit seiner Einstellung ist er aber auch Vorbild. Denn seine Zuhörer wollen ebenfalls eine Rückkehr meistern. Sie wollen Hövelhof hinter sich lassen. Zurück nach draußen, wenn auch in ein neues Leben. Der offene Vollzug der JVA, die umgeben von großen Truppenübungsplätzen der Bundeswehr und der britischen Armee liegt, bietet dafür perfekte Chancen. Die Inhaftierten müssen sich zwar einem geregelten Tagesablauf unterwerfen, aber sie können sich recht frei bewegen. Nur wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht für einige Tage der Einschluss in WG 3.2. Diese Wohngruppe ist das Synonym für Unfreiheit. Dort gelten dem geschlossenen Vollzug vergleichbare Vorgaben. Einheitskleidung statt privater Klamotten, rote verschlossene Stahltüren und dahinter schlichte Zellen. “Hier zu landen, ist eine Drohung, die zieht”, meint Rudolf Eschengerd, der stellvertretende Leiter des Vollzugsdienstes. Im gewohnten Trakt leben die jungen Männer dagegen in Räumen, die eher Zimmer als Zellen sind. “Das ist beinahe wie in einer Jugendherberge”, sagt Eschengerd, der stolz auf die recht geringe Quote von Rückkehrern ist.

Zentraler Bestandteil des Konzepts der Einrichtung sind die acht unterschiedlichen Vollausbildungen und 16 Qualifizierungsangebote, die offeriert werden. Und die Inhaftierten können Sport treiben. Krafttraining machen und Fußball spielen. “Das hilft auf jeden Fall, um Aggressionen abzubauen”, erklärt mit Uwe Scheunemann der Beamte, der sich um die Sportangebote kümmert. “Beim Fußball besteht zudem die Chance, dass sich ein Teamspirit entwickelt. Das ist für viele ein neues Erlebnis”, hebt er hervor. Und dieser Geist kann Berge versetzen. Mit einem seiner Teams habe er vor einigen Jahren den Sepp-Herberger-Pokal geholt und die Mannschaften der übrigen beteiligten Haftanstalten hinter sich gelassen, “und zwar nicht, weil wir die besseren Fußballer waren, sondern weil wir den größeren Zusammenhalt hatten. Genau das macht diesen Sport aus und entfaltet nachhaltige Wirkung”, sagt Nico Kempf, stellvertretender Geschäftsführer der Sepp-Herberger-Stiftung. “Und wir wollen die Leute schließlich auf den richtigen Weg bringen”, so Kempf weiter.

Der Profifußball hat eine soziale Verantwortung

Maxine Birker vom Club-Marketing des Paten-Vereins Arminia Bielefeld betont noch einen weiteren Aspekt, der für das Engagement spricht. Der Profifußball habe auch eine soziale Verantwortung, der man sich stellen wolle. “Und es geht darum, Werte zu transportieren”, erklärt sie. Denn Fußballprofi zu sein, bedeute mehr als ein dickes Auto zu fahren und auf der Straße erkannt zu werden. Es reiche nicht, ein großes Talent zu besitzen. “Hinter einer erfolgreichen Karriere steckt viel Arbeit, Disziplin und Verzicht”, sagt Birker. Es sei am besten, wenn dies jemand erkläre, der selbst Profi war. So wie Manuel Hornig, meint sie.

Hornig bringt diese Botschaft rüber, ohne sie direkt auszusprechen. Er erzählt einfach von seinem Weg. Und er macht Mut: “Ich finde es toll, dass ihr beim Fußball dabeibleibt, die Herausforderungen annehmt. Hut ab!”, sagt er. Für einen Moment sind alle still. Denn seine Zuhörer wissen, dass sie diesen Ehrgeiz nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern in allen Bereichen ihres Lebens benötigen, um den Neustart zu meistern.