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“Nicht jeder kann bei Barca spielen”

Seit drei Monaten spielt Reinhold Yabo nun wieder beim DSC. Im großen HALBVIER-Interview erzählt “Ray” von seiner bewegten Karriere, die durch einige Schicksalsschläge gekennzeichnet ist – gleichzeitig berichtet er aber auch von schönen Momenten wie dem EM-Gewinn mit der deutschen U17-Nationalmannschaft im Jahr 2008. Was er seinen damaligen Kollegen Mario Götze, Marc-André ter-Stegen und Co. voraushat – das u.v.m. lest ihr im Interview!

Reinhold, wie fühlt es sich an, wieder in Bielefeld zu sein?

Gewohnt, und das ist ein großer Vorteil. Ich kenne die Stadt, kenne das Umfeld. Das macht es mir natürlich ungemein leichter, mich schnell wieder hier einzuleben.

Was hat sich im Vergleich zu deiner ersten Zeit beim DSC geändert?

In erster Linie die Mannschaft. Damit meine ich nicht nur das Personal, sondern einfach die Qualität, die mittlerweile vorhanden ist. Das ist nochmal eine andere Kragenweite als vor zwei Jahren. In der Rückrunde der Saison 16/17, in der ich an den DSC ausgeliehen war, ging es in erster Linie ums Überleben – das hat man auch am Spielstil gemerkt. Heute spielen wir einen deutlich saubereren Ball.

Was ist mit diesem gepflegten Fußball und der Mannschaft in den letzten Spielen der Saison noch möglich?

Es muss unser Ziel sein, die vorhandene Spielkultur zu entwickeln und diese zu verfestigen. Wir müssen Konstanz in die Abläufe reinkriegen und auch ein Selbstverständnis dafür entfalten. Das könnte dann wichtig werden, wenn es um die kommende Saison geht. Solche Prozesse passieren aber nicht von heute auf morgen. Daher müssen wir auch in den restlichen Spielen dieser Saison alle Momente nutzen, um den Prozess weiter voran zu bringen und als Mannschaft weiter zusammen zu wachsen.

Du hast in Deiner Karriere schon viel erlebt – vor zehn Jahren wurdest du mit der U17 Europameister, als Kapitän, im eigenen Land. Wie war das damals für Dich?

Vor wenigen Tagen hatte ich noch ein Gespräch mit meiner Frau darüber (lacht). Das lässt sich schwer beschreiben, ein gigantisches Gefühl. Titel zu gewinnen, ist immer etwas Besonderes. Dass wir im eigenen Land Europameister wurden, setzte dem Ganzen die Krone auf.

Die wenigsten wissen, dass Du diesen Titel geholt hast, und wiederum noch weniger werden wohl wissen, dass Du den Titel zusammen mit Mario Götze, Marc-André ter Stegen, Bernd Leno oder auch Shkodran Mustafi geholt hast.

Ich habe damals schon gewusst, dass Mario durch die Decke gehen wird. Er war ein wahnsinnig talentierter Junge – in allen Bereichen. Man hat gesehen, dass die Anlagen da sind. Eins ist klar: es gibt gewisse Faktoren, die das Leben eines Profifußballers beeinflussen. Diese Faktoren müssen es einfach positiv mit dir meinen, sonst hast du es schwer. Bei Marc-André, Shkodran, Bernd oder Mario hat das immer gepasst, was mich unheimlich für sie freut. Mario hat in der jüngeren Vergangenheit viel einstecken müssen und hatte es nicht immer leicht, aber er hat sich da durchgeboxt, was ich sehr bewundere.

Welche Faktoren genau meinst Du?

Zum einen natürlich die Eigenleistung. Sie bildet das Fundament und ist das, was du als Sportler am besten beeinflussen kannst. Als nächstes kommt dann aber schon die Gesundheit, die immer mitspielen muss. Wenn du verletzt bist und nicht zeigen kannst, was du draufhast, dann bleibst du vielleicht irgendwann auf der Strecke – da kann ich ja ein wenig ein Lied von singen. Aber auch Glück spielt eine eminente Rolle. Ein gutes Spiel abzuliefern, wenn große Scouts am Platz stehen, den richtigen Berater an seiner Seite zu haben – all das sind Faktoren, die den Weg eines Profifußballers beeinflussen. Talent alleine reicht nicht. Bis auf die eigene Leistung, die man selber in der Hand hat, liegen die anderen Faktoren oftmals nicht in deiner Macht und kommen von extern.

In einem früheren Interview hast du berichtet, großer Fan des FC Barcelona zu sein. Marc-André Ter-Stegen spielt mittlerweile für Barcelona. Schwingt da manchmal ein Stück Wehmut mit?

Die Frage ist absolut berechtigt, aber ich kann guten Gewissens sagen, dass da kein Stück Wehmut mitschwingt. Ob das Mario Götzes, Bernd Lenos oder Marc-André ter Stegens Werdegang ist – mich freut es für jeden Einzelnen, dass sie es so weit nach oben geschafft haben. Man darf nicht den Fehler machen und das Ganze nur aus einer Perspektive betrachten. Das Leben ist mehr als nur Fußball. Es kann nicht jeder einen so erfolgreichen Weg gehen, es kann nicht jeder bei Arsenal London oder beim FC Barcelona spielen. Mein Weg war ein anderer, aber hat mich zu dem werden lassen, der ich heute bin. Ich bin gereift, habe eine wunderbare Familie und bin Vater einer gesunden Tochter. Wer von den U17-Jungs, die es nach ganz oben geschafft haben, kann das denn noch von sich behaupten? (lacht) Ich glaube, Shkodran ist der Einzige, der auch schon Kinder hat. Es gibt auch immer noch ein Leben nach dem Sport und was das angeht, bin ich auf einem guten Weg.

 Du bist ein sehr kreativer Mensch, hast mal ein Fach zum Thema “Kreatives Schreiben belegt”. Was bedeutet das Schreiben für Dich?

Das Schreiben war für mich schon früher eine Art Katalysator, mit dessen Hilfe ich Dinge verarbeiten konnte. Ich konnte schon immer ganz gut mit Sprache und Schrift umgehen.

Und der Traum, mal ein eigenes Buch zu schreiben – was ist mit dem?

Ich habe sogar schon ein Buch geschrieben, es nur noch nicht veröffentlicht. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich dieses irgendwann mal veröffentliche oder ob ich noch eins schreibe, das ich dann auf den Markt bringe – das kann passieren, steht aber in den Sternen.

Du bist seit einiger Zeit sehr gläubig. Wie entwickelt sich dein Glaube?

(überlegt lange) Gute Frage. Der Glaube war über lange Jahre extrem unangefochten bei mir, das hat sich aber etwas geändert, weil ich gewisse Dinge nicht so verstanden und hinterfragt habe. Bei mir ging es da ganz klar um das Thema Gesundheit. Ich kann mich in keiner Weise darüber beschweren, wie mein Leben bis heute verlaufen ist – beim Thema Gesundheit möchte ich aber eine Ausnahme machen. Wer weiß, wo ich heute stünde, wäre ich von Verletzungen geschont geblieben? Wenn du dann gläubig bist, so wie ich es bin, und daran glaubst, dass jemand für dich da ist und immer auf dich aufpasst, dann fordern dich solche Momente extrem heraus. In diesen Phasen meiner Karriere – und da bin ich offen und ehrlich – wurde mein Glaube oft auf die Probe gestellt.

Gehört der Moment auch dazu, als Marcelo Diaz in der Nachspielzeit der Relegation 14/15 den Siegtreffer für den HSV erzielte, weswegen du mit dem KSC nicht aufgestiegen bist?

Es gibt zwei Momente, die mich extrem haben zweifeln lassen und da gehört das Relegationsspiel gegen Hamburg auf jeden Fall dazu. Ich habe in meinem Leben selten so viel geweint wie nach der Niederlage gegen den HSV. Das so Bittere an der Niederlage war, dass wir so kurz vorm Ziel waren und dann wird dir das vor der Nase weggezogen. Der andere Moment folgte kurz darauf als ich mich das erste Mal so schwer verletzte. Ich habe fast ein Jahr kein Fußball mehr spielen können. Diese beiden Schicksalsschläge so kurz hintereinander, waren extrem hart. Da musste ich mehrmals schlucken.

Zurück zu den schönen Dingen des Lebens: Deine Eltern stammen aus der DR Kongo. Wie fließen diese Wurzeln in deinen Alltag ein?

Da auch meine Frau aus Afrika kommt (Angola, Anm. d. Red.) gibt es bei uns in der Familie oft Momente dieser doch eher lockeren afrikanischen Mentalität. Das kommt gerade bei verschiedenen Familienfesten häufig vor. Dies war in den vergangenen Jahren eher selten möglich, da die Distanz zwischen Salzburg und meiner Heimat Aldenhoven doch recht groß war.

Jetzt ist Bielefeld für die nächsten Jahre erstmal deine Heimat. Welche Ziele hast du?

Ich glaube schon, dass mit Arminia in den kommenden Jahren zu rechnen sein wird – das sage ich auch so direkt, weil ich davon überzeugt bin. Wenn man sich anschaut, wie wir in vielen der Rückrundenspiele aufgetreten sind, macht das Mut. Das sollte jedem Einzelnen Hoffnung geben. Vor allen Dingen, weil wir eine echt gute Mannschaft haben, an die es sich zu glauben lohnt.