DSC Arminia Bielefeld -

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“Für mich gehört Arminia in die erste Liga”

Für Arminia Bielefeld bestritt Heiko Westermann 2005 seine ersten Bundesliga-Minuten. Eins seiner insgesamt fünf DSC-Tore schoss der Innenverteidiger im Bundesliga-Heimspiel gegen den FSV Mainz 05, welches Arminia im Oktober 2006 mit 1:0 gewinnen konnte Nach zwei erfolgreichen Jahren beim DSC wechselte der Innenverteidiger 2007 zu Schalke, ehe Stationen beim HSV und im Ausland folgten. Gerade in Sevilla und Amsterdam sammelte der ehemalige Nationalspieler wichtige Erfahrungen, von denen er auch heute noch profitiert. Welche Großmutter eines europäischen Innenverteidiger-Juwels sich einst bei ihm meldete, was für ein Scherz ihm sein ehemaliger Trainer in Spanien spielte und in was sich Außenstehende im Thema Profi-Fußball häufig irren – das u.v.m. erzählt Heiko im großen HALBVIER-Gespräch.

Heiko, wo erwischen wir dich gerade?
Jetzt gerade bin ich im neuen Zuhause. Wir ziehen momentan um. Mit meiner Familie wohne ich in Krefeld, uns gefällt es hier sehr gut, es ist schön ruhig und ich bin schnell im Ruhrpott, wo bekanntlich viel Fußball gespielt wird. Seit einiger Zeit trainiere  ich die U16-Nationalmannschaft des DFB als Co-Trainer – bevor das Leben durch Corona vorerst etwas stillgelegt wurde, war ich viel im Ausland unterwegs, um mir das eine oder andere Spiel anzuschauen. Gerade in Spanien habe ich mir viel angeschaut.

Klingt, als seist du vielbeschäftigt. Du hast insgesamt 16 Jahre aktiv Fußball gespielt, ehe du 2018 die Schuhe an den Nagel gehangen hast. Vermisst du die Zeit als aktiver Fußballer?
Auf jeden Fall. Am meisten vermisse ich das Gefühl so kurz vor dem Spiel. Wenn das Adrenalin durch den Körper fließt und du weißt, dass es da draußen gleich um Punkte geht. Als Ausgleich probiere ich es jetzt mit Tennis.

Im Verein?
Ja, damit habe ich kürzlich angefangen, aber auch hier hat mir Corona erstmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Daher warte ich noch immer auf mein erstes Spiel.

73 Bundesliga-Spiele hast du zwischen 2005 und 2007 für den DSC gemacht. Eins datiert vom 21. Oktober 2006. Wir spielten zuhause gegen den FSV Mainz 05. Kannst du dich an das Spiel erinnern?
Klar, ich habe ja den Siegtreffer erzielt. Nach einem Eckball von Ioannis Masmanidis stand ich goldrichtig und habe die Kugel per Aufsetzer mit dem Fuß über die Linie gedrückt. Es war zu der Zeit generell eine sehr gute Phase, denn wir haben acht Spiele am Stück in der Bundesliga nicht verloren.

Dann denkst du also – nicht nur deswegen – generell gerne an deine Bielefelder Zeit zurück?
Ja, das waren zwei super Jahre für mich, in denen ich viel gelernt habe. Es war meine erste Bundesliga-Station, wir hatten eine tolle Mannschaft mit einem großen Teamgeist. Das alles waren Gründe, warum wir zwei Jahre in Folge recht souverän die Klasse halten konnten. Zudem hat der Trainer Thomas von Heesen mir von Anfang an viel Vertrauen gegeben.

Gibt es noch DSC-Kollegen von damals, mit denen du dich heute noch austauscht?
Eher weniger – der Einzige, mit dem ich mich noch regelmäßig unterhalte, ist Marc Ziegler, der damals bei uns Ersatztorwart war. Er ist Jugend-Torwarttrainer beim DFB, weswegen sich unsere Wege immer mal wieder kreuzen. Trotzdem gucke ich natürlich, was Arminia macht, habe zudem einige Freunde und Bekannte in der Stadt und der Region, weswegen ich auch häufiger noch in Bielefeld bin. Für mich gehört Arminia in die erste Liga. Vergangene Saison habe ich mir viele Spiele angeschaut, in dieser Spielzeit habe ich noch nicht so viele Spiele gesehen. Man merkt aber generell an den Ergebnissen, dass die Bundesliga dann doch nochmal ein anderes Kaliber ist. Es wird ein schweres Jahr, weil kleine Fehler schnell bestraft werden. Die Jungs müssen einfach wieder ein bisschen zur Leichtigkeit zurückkommen – dann bin ich guter Dinge.

Arminia war deine erste Bundesliga-Station, es folgten Schalke und Hamburg. Welche unterschiedlichen Erfahrungen hast du gemacht?
Als ich damals nach Schalke gegangen bin, waren das ganz andere Dimensionen. Bei Arminia hatten wir einfach einen guten Mannschaftskern – wir Spieler haben zusammengehalten. Auf Schalke war das ähnlich, aber es war dann doch eine etwas andere Geschichte, weil von den Schalker Spielern eben viele Stars waren. In Hamburg kam die Stadt hinzu, die die ganze Zeit so etwas im Hintergrund schwelt und natürlich einen enormen Flair hat. Als Dino der Liga, der noch nie abgestiegen war, hatte der HSV auch nochmal eine ganz besondere Strahlkraft.

Nach deiner Zeit in Deutschland bist du nach Spanien gegangen. Laut eigener Aussage hast du in Sevilla ein schönes Jahr verbracht.
Das Jahr in Sevilla war überragend, das will ich nicht missen. Eigentlich war sogar geplant, dass ich drei Jahre in Spanien bleibe, so war es vertraglich auch abgemacht, aber als Ajax Amsterdam sich dann meldete, wollte ich das gerne mitnehmen. Zum Glück durfte ich in der Zeit im Ausland an den verschiedenen Standorten nette Menschen kennenlernen, mit denen ich auch heute noch viel zu tun habe, weswegen ich in “normalen Zeiten” auch immer mal wieder dort bin.

Kannst du dich denn noch an deine ersten Wochen und Spiele in Spanien erinnern? Schließlich kamst du aus Deutschland, wo du viele Jahre gespielt hattest und musstest dich wahrscheinlich erstmal umstellen, oder?
Erstmal ist es Sevilla, Andalusien. Ich bin im Sommer dahingekommen, wir hatten 40 Grad im Schatten – die Wetterumstellung war die ersten Wochen sehr krass. In Sevilla sprechen knapp 80% der Menschen kein Englisch, weswegen ich ziemlich schnell Spanisch lernen musste. Mein Trainer Pepe Mel, der zuvor sogar bei West Brom in England Trainer war, sagte mir in den Gesprächen zuvor, dass er ganz gut Englisch könne – was sich dann schnell als Scherz entpuppte. Ich hatte damals zum Glück zwei, drei Mal die Woche Spanisch-Unterricht und habe mich dann mehr und mehr integrieren können – wenn mich heute Freunde und Kollegen aus Spanien anrufen, dann verstehe ich alles und kann eigentlich auch fast alles sagen. Auch in dieser Hinsicht war das eine richtig gute Erfahrung.

Und die Spielweise?
Die Liga an sich ist überragend, man spielt in super Stadien auf top gepflegten Plätzen und fast alle Mannschaften haben Bock, Fußball zu spielen. Das ist dann doch nochmal ein kleiner Unterschied zur deutschen Bundesliga.

Auffällig ist, dass du in deinen über 370 Klubspielen lediglich zweimal vom Platz geflogen bist. Beide Male allerdings während deines Jahres in Spanien. Hast du da eine Erklärung für?
Die schauspielern halt ganz gut da unten (lacht). Nein, Spaß beiseite. Eine gelb-rote Karte ist tatsächlich im Nachgang zurückgenommen worden, weil wir dagegen angegangen sind. Die Szene hat deutlich gezeigt, dass sich der Spieler in mich reindrehte, weswegen ich dann freigesprochen wurde und in der nächsten Partie spielen durfte. Gegen den FC Barcelona habe ich mir die gelb-rote Karte dann verdient.

Nach 30 Minuten war für dich in diesem Spiel Schluss.
Genau, nach einer halben Stunde musste ich mich verabschieden. Immerhin war es Lionel Messi, gegen den ich vom Platz gestellt wurde. Das kann ja mal passieren.

Danach hast du noch in Amsterdam und Österreich gespielt. Wolltest du zum Ende deiner Karriere nochmal möglichst viel mitnehmen?
Wie bereits gesagt, wollte ich eigentlich länger in Spanien bleiben, aber als Amsterdam mit Cheftrainer Peter Bosz dann um die Ecke kam, konnte ich das Angebot nicht ablehnen. Wir hatten eine super Saison bei Ajax – für mich war von Anfang an klar, dass ich aus dem Hintergrund etwas die jungen Spieler führe. Zu Beginn war es zugegebenermaßen nicht ganz so leicht, da ich das erste Mal in meiner Karriere nicht wirklich zu den Stammspielern gehörte. Trotzdem hat es richtig Bock gemacht, wir sind bis ins Europa-League-Finale gekommen, welches wir leider mit 0:2 gegen Manchester United verloren und ich konnte einige junge Spieler an die Hand nehmen. Frenkie de Jong oder Donny van de Beek waren z. B. zwei Spieler, wobei ich zu einem anderen nochmal ein tieferes Verhältnis hatte.

Du meinst Mathijs de Ligt.
Ja, mit ihm war es aber auch sehr einfach. Er war damals zwar erst 17, vom Kopf her aber wesentlich weiter. Ein sehr intelligenter junger Mann, der lernwillig war und unbedingt Profi werden wollte. Wir haben uns viel ausgetauscht und es ist natürlich schön zu sehen, welchen Weg er und die Jungs mittlerweile genommen haben. Mathijs hatte damals noch keinen Führerschein, weswegen ich ihn auch nach dem Training ab und an nach Hause gebracht habe.

Daher bist du wohl auch seiner Oma bestens in Erinnerung geblieben. Als du vor ein paar Jahren von Amsterdam nach Wien gewechselt bist, hat es sich die Großmutter de Ligts nicht nehmen lassen, sich nochmal persönlich bei dir zu bedanken.
(lacht) Das habe ich mitbekommen. Sie hat auf Facebook einen Post kommentiert und geschrieben, dass er viel von mir gelernt habe. Das hat mich natürlich gefreut.

Konntest du denn zu der Amsterdamer Zeit ein bisschen etwas von dem niederländischen Flair erleben?
Das ist oft ein Trugschluss, den Außenstehende haben. Man denkt, dass die Fußballspieler viel von den Städten und dem Alltagsleben mitbekommen, aber zumindest ich habe die Erfahrung gemacht, dass das nicht immer der Fall ist. Von Amsterdam und der Kultur habe ich nicht so viel mitbekommen, weil wir zu meiner Amsterdamer Zeit in drei Wettbewerben gespielt haben und eigentlich immer unterwegs waren. Und wenn man dann mal freie Zeit hatte, wollte ich die natürlich auch mit meiner Frau und den beiden Töchtern verbringen. Nach meiner Karriere war ich noch drei weitere Male in Amsterdam – gefühlt habe ich da mehr von der Stadt und der Atmosphäre mitgenommen, als zu meiner aktiven Profizeit.

Du bist dem Fußball treu geblieben und aktuell Co-Trainer der deutschen U16-Auswahl. Wie sieht es mit deinen Scheinen und der Trainerlizenz aus?
Eigentlich hätte ich schon längst meine A-Lizenz gehabt, ursprünglich sollte das im Sommer stattfinden. Leider hat sich das Ganze bis heute verschoben, da wir immer noch keine Präsenzphase durchführen konnten. Hoffentlich können wir das im kommenden Jahr machen.

D.h., du kannst dir gut vorstellen, die nächsten Schritte zu gehen?
Klar, man sollte sich ja immer Ziele setzen. Ich kann jetzt nicht genau sagen, dass ich zu einem gewissen Zeitpunkt Cheftrainer einer Mannschaft werde, aber klar ist, dass ich gerne eines Tages in einer höheren Funktion im Profifußball arbeiten möchte. Momentan finde ich mich aber erstmal selber und bin ja auch erst seit drei Jahren dabei.

Womit wir wieder beim Anfang wären – viel beschäftigt eben. Weiterhin alles Gute, Heiko und vielen Dank für deine Zeit.