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“Wir waren ein verschworener Haufen”

Zwischen 1996 und 1999 ging Giuseppe “Billy” Reina für den DSC auf Torejagd und hinterließ  mit seiner bodenständigen und stets positiv gestimmten Art einen bleibenden Eindruck. Im Vorfeld der Partie gegen Hertha BSC (Sonntag, 18:00 Uhr), für die der Deutsch-Italiener nach seiner Bielefelder Zeit 18 Monate die Schuhe schnürte, konnten wir den heute 48-Jährigen erreichen. Herausgekommen ist ein kurzweiliges Gespräch über seine Wahlheimat Österreich, seine Trainer- und Koch-Fertigkeiten, Hüttenbesuche mit Oliver Bierhoff und natürlich seine Zeit beim DSC.

Billy, was magst du lieber? Die Berge oder das Meer?
Schwierige Frage. Im Sommer natürlich den Strand, aber ansonsten mittlerweile schon fast lieber die Berge. In den Bergen hat man einfach sehr viele Möglichkeiten, wenn man den Sport so liebt, wie ich es tue. Ob wandern, Fahrrad fahren oder Schwimmen in einem Naturbad – da bieten sich die Berge einfach sehr gut an.

Wir fragen natürlich nicht ohne Grund. Einen Großteil deiner Zeit verbringst du mittlerweile in Österreich.
Ich habe eigentlich zwei Lebensmittelpunkte momentan. Zum einen in St. Johann in Österreich, das ist in der Nähe von Kitzbühel, zum anderen weiter in der Nähe von Dortmund, weil meine Eltern, meine Geschwister und auch meine Tochter noch in Deutschland wohnen. Zwischen diesen beiden Orten pendele ich normalerweise regelmäßig, wobei es durch die Corona-Krise natürlich alles momentan nicht so möglich ist.

Warum genau Österreich?
Mir gefällt es dort richtig gut und das lässt sich auch daran belegen, dass ich seit über sieben Jahren nun schon dort lebe. Man kann dort sehr gut abschalten und vor allen Dingen Sport machen. Einige meiner Freunde sind Triathleten, da trifft es sich gut, dass wir direkt um die Ecke ein Schwimmbad haben. Ansonsten gehe ich mit meiner Freundin und unserem Beagle sehr gerne wandern.

Nebenbei bist du Trainer einer Amateur-Mannschaft, die natürlich auch wegen Corona momentan pausieren muss. Wie bist du als Trainer?
Vom Niveau her ist das nicht hoch, aber mir macht die Tätigkeit sehr viel Spaß und ich freue mich, diesen Freundschaftsdienst erweisen zu können. Bekannte von mir hatten mich gefragt und dann kam eines zum anderen.

Und wie bist du als Trainer?
Die Österreicher haben eigentlich eher weniger mit dem Fußball am Hut. In meiner Karriere hatte ich den einen oder anderen Trainer und konnte mir von ihnen immer mal wieder etwas abschauen. Ganz wichtig – und für diese Erkenntnis habe ich einige Tage gebraucht (lacht) – ist, dass man nicht zu hart mit den Jungs ins Gericht geht. Es muss eine gute Mischung aus Spaß, Motivation und Siegeswillen sein. Die Jungs sind alle nebenbei am arbeiten und machen das Ganze, weil sie Bock drauf haben.

Für jemanden wie dich, der Bundesliga und Champions League gespielt hat – welche Unterschiede fallen dir spontan zwischen der Profi- und der Amateurwelt ein?
Am Anfang war es einfach so, dass ich das sehr ernst genommen habe, weil ich es als Profi eben auch nicht anders kannte. Ich habe versucht, den Jungs Dinge beizubringen, die für mich selbstverständlich waren, aber da kommt man schnell an seine Grenzen. Letztlich wollen sich meine Jungs einfach nur ein bisschen bewegen, was vollkommen okay ist. Mit meinem Temperament und meiner Art fiel es mir zu Beginn auch schwer, Spiele mit den Jungs zu verlieren, aber auch da bin ich irgendwann darüber hinweggekommen, weil es einfach wichtigere Dinge gibt.

In einem früheren Interview sagtest du einmal, dass du sehr gerne kochst. Was gehört zu deinen Spezialitäten?
Als Italiener muss ich natürlich alle Pasta-Gerichte einigermaßen beherrschen. Jetzt aus dem Bauch heraus würde ich Lasagne, Aufläufe und Gerichte mit Fisch nennen – die gelingen mir in der Regel eigentlich immer.

Ansonsten gehst du viel spazieren und mit dem Hund raus – klingt nach einem entspannten Lebensstil, der passt, denn auch früher schon standest du nie groß im Mittelpunkt.
Ich war zuvor nie in Österreich und hatte mit Skifahren auch nie groß etwas am Hut. Über Zufall und gewisse Umstände hat es mich dann vor sieben Jahren dorthin verschlagen – ich schätze es einfach sehr, dass ich mich dort frei bewegen kann und einfach dazugehöre. Wenn ich beispielsweise in Dortmund, wo meine Eltern leben, einkaufen gehe, dann wird natürlich schon genau geguckt, was da in meinem Einkaufskorb landet. Hier in Österreich ist das alles ruhiger und anders, auch, weil die Leute meine Historie nicht unbedingt auf dem Schirm haben. Das kann schon mal ganz hilfreich sein, wenn man abends in der Bar mit Freunden einfach nur ein Bier genießen möchte, ohne erkannt oder um Autogrammwünsche gebeten zu werden. Mir war schon während meiner Karriere immer wichtig, dass die Leute in mir auch den Menschen “Billy” Reina und nicht eben nur den Profi sehen – das tun die Österreicher zu 100%.

Dem Trubel entkommen kann man in der Champions League, in der du mit dem BVB u.a. auf den AC Mailand und Real Madrid getroffen bist, ja nicht so richtig. Mit welchen Gedanken blickst du zurück?
Die kann man mit Worten eigentlich nicht beschreiben. Meine Tochter ist 13 Jahre alt und hat leider meine aktive Zeit nicht mehr miterlebt – hin und wieder gucken wir uns Spiele von früher an und dazu gehören natürlich auch die Champions-League-Duelle. Sie sieht mich dann im Fernsehen spielen, kann sich das aber irgendwie nicht so richtig vorstellen. Das ist fast schon ein bisschen schade, weil ich es gerne gehabt hätte, dass wir diese Momente zusammen teilen könnten. Das kann man mit Geld nicht bezahlen, so einfach ist das. Ab und an schaue ich mir Videos auf YouTube an und sehe mich in Spielen, an die ich mich gar nicht mehr so richtig erinnern kann. Sobald ich sie dann aber sehe, kommt die Erinnerung und gleichzeitig dann auch meistens eine Gänsehaut.

War die Zeit beim BVB, wo du von 1999 bis 2004 aktiv warst, deine beste Zeit?
Sportlich gesehen war das eine schöne Zeit mit dem Meistertitel 2002, dem Einzug ins Uefa-Cup-Finale und der Teilnahme an der Champions League. Trotzdem können die drei Jahre, die ich bei Arminia war, mit der Dortmunder Zeit mithalten.

Tatsächlich?
Ich unterhalte mich gerne mit meinen Eltern über die Phase in Bielefeld und wir schwelgen dann immer in guten Erinnerungen. Wir hatten eine geile Truppe, hatten jede Menge Spaß, waren jung und frech und dazu auch recht erfolgreich. Wir sind zwar in dem einen Jahr abgestiegen, direkt danach aber wieder in die Bundesliga aufgestiegen. Egal ob Bayern oder Dortmund kam – wir hatten Respekt, aber keine Angst. So konnten wir die ein oder andere Überraschung schaffen. Großen Anteil hatten daran auch immer die Bielefelder Fans. Daher tut es mir umso mehr weh, wenn ich die leeren Ränge im Stadion sehe. Mit den Bielefeldern und Ostwestfalen im Rücken – und ich weiß, wovon ich spreche – setzt das einfach nochmal Energie frei.

Hört sich so an, als würdest du uns in guter Erinnerung behalten haben?
Absolut. Wir haben als Team zusammengehalten und waren ein verschworener Haufen. Mit meinen damaligen Kollegen Heiko Gerber und Silvio Meissner habe ich unweit der Universität in einem Haus gewohnt, jeder hatte seine Etage. Da kam es schon häufig vor, dass wir uns abends auf ein Getränk oder zum Kartenspielen getroffen haben – auch unsere Partnerinnen konnten gut miteinander. Das schweißt einfach zusammen.

Hast du denn aktuell noch einen Draht zum DSC?
Ich war leider längere Zeit nicht mehr in Bielefeld. Das letzte Mal war vor zwei Jahren, als mein Neffe als A-Jugendlicher mit RW Ahlen auf dem Hannes-Scholz-Platz gegen den DSC gespielt hat.

Für uns geht es am kommenden Sonntag gegen Hertha BSC. Dort hast du am Ende deiner Karriere für 18 Monate gespielt.
Zu meiner Zeit war es so, dass wir mit Hertha zunächst im Abstiegskampf waren. Innerhalb kürzester Zeit wendete sich das Blatt aber und wir wurden recht erfolgreich. Leider habe ich mir dann Anfang April 2004 bei einem Training meinen zweiten Kreuzbandriss zugezogen, was so eine Art Anfang vom Ende war.  Wir haben den Klassenerhalt trotzdem geschafft, was mich trotz der Verletzung natürlich sehr gefreut hat. Wenn ich mir jetzt die Spieler der Hertha angucke, muss ich sagen, dass das schon eine sehr gute Truppe ist – gerade, was die Offensive angeht. Das wird sicherlich keine einfache Partie für Arminia, aber außer der Partie bei Union Berlin gab es eigentlich in jedem Spiel Möglichkeiten zum Punktgewinn. Wenn sie das Spiel gegen Berlin gewinnen würden, wäre das schon ein “big point”. Zumal die anderen Mannschaften, die unten drin stehen, an diesem Spieltag nicht die leichtesten Aufgaben vor der Brust haben.

Es scheint so, als würdest du Arminia und die Bundesliga immer noch sehr intensiv verfolgen.
Absolut, was soll man denn momentan auch sonst machen (lacht)? Meine Frau beschwert sich zwar hier und da darüber, dass ich am Wochenende so viel Fußball schaue, aber weiß natürlich auch, dass das für mich sehr wichtig ist.

Würde denn ein Billy Reina aus dem Jahre 1996 heute noch in der Bundesliga mithalten können?
Ich glaube schon, dass der heutige Fußball mir ein Stück weit liegen würde. Mich haben früher meine Schnelligkeit, meine Athletik und meine 1 vs 1-Qualitäten ausgezeichnet – diese Attribute sind heute nach wie vor wichtig, auch wenn der Fußball sich natürlich stets weiterentwickelt und alles in allem wohl nochmal deutlich schneller geworden ist.

Lass uns zum Abschluss noch auf das neue Jahr blicken – hast du dir irgendwelche Ziele oder Vorsätze vorgenommen?
Ich habe vor Jahren meine B-Lizenz gemacht und würde gerne zeitnah meine A-Lizenz machen. Hier muss man natürlich erstmal abwarten, wie die Pandemie weiter verläuft. Das könnte dieses Jahr dann also leider schwer werden.

Wir drücken die Daumen und danken dir für deine Zeit, “Billy”!

Das Gespräch ist auch in der digitalen HALBVIER zu #DSCBSC zu finden!